Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther
Berlin 2014

Erneut beschäftigten wir uns im Literaturkreis mit der unrühmlichen deutschen Vergangenheit. Diesmal aus der Sicht einer Deutsch-Ukrainerin. Wieder hatten wir es mit einem „Recherche-Roman“ zu tun, in dem eine deutsch-jüdische Familiengeschichte beleuchtet wird.

Die Autorin und Ich-Erzählerin Katja Petrowskaja verleiht ihrem Werk eine journalistische Form, die auch ihrer bisherigen Tätigkeit entspricht. Durch Zufall stößt sie auf die Tatsache, dass ihre Vorfahren größtenteils jüdischer Herkunft waren und sie begibt sich auf die Suche nach vertiefenden Informationen.

 

Nach der russischen Revolution wurden viele nichtrussische Familiennamen russifiziert, so auch der des Urgroßvaters der Schriftstellerin. Die näheren Umstände dieser Namensänderung kennt sie allerdings bei Beginn ihrer Recherchen nicht. Sie wurde 1970 in Kiew geboren und ist viele Jahre davon ausgegangen, dass sie eine Ukrainerin sei. Erst mit ihrem Umzug nach Berlin im Jahre 1999 beginnt sie sich für ihre Familiengeschichte zu interessieren. Ihre Unwissenheit war eine Folge des Schweigegebots für Ukrainer wegen ihrer Mitschuld an der Judenvernichtung. Das Tabuthema galt für Ukrainer wie auch für die  Nachkommen der Opfer. Bei ihren Nachforschungen identifizierte sie sich immer stärker mit ihren Vorfahren und damit wurde die Schuldfrage auch für sie zu einem persönlichen Problem: Darf ein jüdischer Nachkomme überhaupt im Land der Massenmörder wohnen? Ihr Bruder z.B. lernte hebräisch und wurde Rabbiner, sie aber entschied sich für die deutsche Sprache und für die Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte, die so viele Opfer zu gefordert hatte. Trotzdem spricht sie von ihrer „deutschen Heimat“.

Als sie ihre familiäre Hauptlinie bis ins 19. Jahrhundert rekonstruieren konnte, freute sie sich zu erfahren, dass ihr Ur-Urgroßvater in Warschau eine Schule für Taubstumme gegründet hatte. Diese Aufgabe wurde über 7 Generationen zunächst in Warschau und dann in Kiew und Odessa weiter wahrgenommen. Es berührte wohl die Autorin, dass ihre Vorfahren sich so intensiv um eine Gruppe Ausgegrenzter gekümmert hatten und sie mit diesen sogar in Wohngemeinschaften zusammen lebten.

Jahrhunderte lang hielt man Taubstumme für geistig behindert und erst Jean Piaget wies nach, dass Sprachfähigkeit auf das Beherrschen der Symbolfunktion gründet und nicht auf das akustische Nachahmungssprechen. Im übertragenen Sinne machte sich auch die Autorin zur Aufgabe „ den Verstummten, also vor allem den ermordeten Juden, eine Stimme zu geben“. Trotz des Holocausts schreibt sie: „Ich wollte auf Deutsch schreiben, auf Teufel komm raus Deutsch“ (S. 79).

Neben Facebook ist vor allem Großmutter Rosa ihre Hauptinformantin. Babuschka Rosa war die letzte Taubstummenlehrerin der Familie und sie musste 40 Jahre ohne ihren im Krieg verschollenen Ehemann leben. Rosa wurde 1905 in Warschau geboren und sie gehörte somit zu den 39% jüdischen Bewohner der Gesamtbevölkerung Warschaus. Nach dem achten Lebensjahr zog sie mit ihren Eltern nach Kiew und wurde dort an der Schule ihrer Eltern Taubstummenlehrerin. Im Krieg floh sie mit ihren Schülern vor den Deutschen nach Sibirien und später Odessa. Die Verwandten, die in Kiew verblieben, fielen dem Massaker von Babij Jar zum Opfer. Dort wurden von der SS und ihren ukrainischen Helfern an zwei Tagen 33.000 Juden umgebracht. Im gesamten Krieg wurden in der Schlucht 100.000 bis 200.000 Menschen verscharrt.

Über diese Gräueltaten wurde später weder in der ukrainischen Bevölkerung noch in Rosas Familie geredet. Erst auf Katjas Drängen lüftete Rosa dieses Geheimnis. Dabei konnte sie sich nur ungenau an den Namen ihrer ermordeten Großmutter erinnern:

„Vielleicht Esther“(S.209).

Aufgrund ihrer Recherchen befasst sich Katja intensiv mit einem Außenseiter der Familie: Judas Stern (4.Kap.). Der Großonkel galt als Revolutionär, der u. a. versuchte, 1932 den deutschen Botschafter zu erschießen. Da das Deutsche Reich mit den Russen fast freundschaftlich verbunden war, veranstalteten die Bolschewiken einen Schauprozess, der mit einem Todesurteil endete. In den Prozessakten, die die Autorin in die Hände bekam, gab es allerdings eine Reihe von Widersprüchen, sodass auch die Vermutung, der sowjetische Geheimdienst könnte hinter diesem Attentatsversuch gesteckt haben und Judas Stern, wie ein Jahr später der Reichstagsbrandstifter van der Lubbe, als Sündenbock herhalten musste. Der mit dem Schrecken davon gekommene deutsche Botschafter deutete den Attentäter als Psychopathen, der unter einem sog. Herostratos-Syndrom litt und mit seinem Verbrechen Aufmerksamkeit, ja sogar Unsterblichkeit erlangen wollte.

Auch Judas Bruder Semion war eine zwielichtige Gestalt. Er kämpfte für die proletarische Revolution und nahm den Decknamen Petrowsky an. Dieser Name wurde auch nach dem Umsturz beibehalten, ohne dass Katja noch als junge Frau von diesem Wechsel des Familiennamen in Kenntnis gesetzt wurde. Schweigen schien ein Charakteristikum in der Familientradition der Petrowskajas gewesen zu sein.

Im 6.Kapitel erzählt Katja die sonderbare Geschichte ihres Großvaters, Rosas Ehemann. Der Großvater galt im Krieg als verschollen und tauchte erst 40 Jahre später wieder auf. Wohl als Kriegsgefangener kam er in das österreichische KZ Mauthausen, nahe Salzburg. Wahrscheinlich fungierte er dort als Lagerhelfer. Er war der einzige Ukrainer in der Familie und wurde wohl von der SS für deren Zwecke eingesetzt. Nach dem Krieg kehrte er nach Kiew zurück, aber nicht zu seiner Frau und den beiden Kindern, sondern zu einer Frau, der er angeblich das Leben verdankte. Als diese 1981 starb, lief er reumütig zu Rosa und den Kindern in die Arme. So lernte Katja mit 12 Jahren ihren Großvater Wassily kennen. Zum Nahekommen reichte es allerdings nicht, denn ein Jahr später starb der lange Abwesende.

Für uns und die Autorin blieben viele Fragen offen. Es gab Kreuzungen, Vermutungen, Entdeckungen, Abschiede, Spekulationen, Randerscheinungen und Verflüchtigungen, eine Reihe von Geschichten, aber kein leitmotivischer Handlungszusammenhang. Es war kein Roman im eigentlichen Sinne, aber viele tiefgründig und erzähl-freudig formulierte Geschichten. Der Literaturkreis war sehr angetan, auch, weil der Text viele historische Informationen lieferte, die heute genau wie früher nicht gern thematisiert werden.                        

Danke Katja, wir freuen uns schon auf dein nächstes Werk!


Wolfgang Schwarz, geschrieben kurz nach dem schönen Sommerfest der Aka.    

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