Annette von Droste-Hülshoff I
Irina Korschunow, Das Spielgelbild, Hamburg 1998

Der Literaturkreis, zumindest ein Teil davon, geht auf Reisen!

Der Bodensee lockt, genauer die Meersburg. Da lässt sich nicht groß raten: Vor allem literarisch interessierte Damen möchten auf den Spuren der wohl bedeutendsten deutschen Lyrikerin des 19. Jahrhunderts, Annette von Droste-Hülshoff, wandeln. Zur Vorbereitung wollten wir uns mit der Biographie der bild- und gefühlsstarken Dichterin beschäftigen. Uns war ein biographischer Roman nicht unwillkommen.

So entschieden wir uns für Irina Korschunows „Das Spiegelbild“ von 1992. Die mittlerweile verstorbene deutsch-russische Schriftstellerin ist uns vor allem als Kinder- und Jugendbuch-Autorin bekannt und machte uns neugierig auf ihre weitergehenden literarischen Fähigkeiten. Ihr Roman ist eine Parallel-Geschichte zweier Frauen: einmal die berühmte Dichterin und zum anderen die fiktive Journalistin Amelie Treybe, die die Meersburg besucht und im Turmzimmer zwei Porträts der Annette eingehend betrachtet.
Fasziniert vom Jugendbildnis und betroffen vom Porträt der todgeweihten Dichterin begibt sich die Journalistin in einen magischen Dialog mit der Jahrhundertautorin. Ganz im Sinne der frühen Dichtungen der Annette von Droste-Hülshoff entsteigt ihr Geist den beiden Bildern und eröffnet den Dialog mit der überraschten Amelie. Der Geist befindet sich in der Phase nach dem Scheitern der Beziehung zu Levin Schücking. Amelie verweilt als 41-Jährige weiter vor dem Sterbebett der großen Dichterin. Der Annette-Geist äußert sein Anliegen: „Meine Geschichte, Amelie, die Geschichte der Annette, ich möchte sie neu erfinden.“ (S.8)
Die Autorin kennt die Problematik des Autobiographischen, die Lebens-geschichte wird stets neu erfunden, ohne dass Fakten und Daten sich ändern müssen. Dies wird auch an der Titelwahl „Das Spiegelbild“ deutlich. Uns fällt natürlich auf, dass sie diesen Titel auch von der enttäuschten Annette aus dem Jahr 1844 übernommen hat. Der Blick in den Spiegel genügt der Poetin, um zu erkennen, dass wir leicht in einem solchen Moment unsere eigenen Schattenseiten übersehen, gerade dass scheinbar Objektive erleichtert unsere Fehleinschätzung des eigenen Ichs. Wir lächeln und glauben, unsere wahre Befindlichkeit zu erschauen.

Hier einige Verse aus dem Gedicht:

Schau du mich an aus dem Kristall
.
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meinesgleichen!
.
Würd ich dich lieben oder hassen?
.
Es ist gewiss, du bist nicht Ich
.
Voll Kräfte, die mir nicht bewusst
Voll fremden Leides, fremder Lust
.
Phantom …..
Mich dünkt – ich würd um dich weinen!

So viel Selbstzweifel und dennoch selbstverliebt, so viel Angst vor dem eigenem Inneren und doch immer noch zu sich selbst stehend!  
Diesen Narzissmus thematisiert sie auch im selben Jahr in ihrem Gedicht „Junge Liebe“.
Das Ich-Mädchen schaut in den Brunnen und betrachtet ihr Spiegelbild:

Und ein Mädchen mit blondem Haar
Beugt über der glitzernden Welle
Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr
Mit dem Auge der scheuen Gazelle.
.
Ihr Auge ernst und sinnend
Frommer Eltern heftges Kind.

Dies Gedicht animierte offensichtlich die heute vergessene Autorin Ingeborg von Habitius-Himmelstjerna in ihrem Roman „Die junge Droste“ (1952) in Verbindung mit dem Jugendbildnis der Annette, gemalt von ihrer Schwester „Jenny“, zum Schreiben einer Eingangsszene:

Am Ufer kniet ein Mädchen … Fast berühren die langen flachsblonden Hängelocken die Oberfläche des Wassers, da erst erkennt es sein Spiegelbild, unter der allzu hohen Stirn die großen, hellblauen Augen, den fein geschnittenen Mund in dem länglichen Oval des Gesichtes (S.8).

Irina Korschunow hatte wohl bei der Titelwahl noch etwas anderes im Auge: In unseren Selbstdarstellungen berücksichtigen wir zusätzlich die Bilder und Wünsche unserer Dialogpartner, um deren Anerkennung und Verständnis wir uns bemühen. Der Andere ist zudem Spiegel und Übereinstimmpartner, soll Bewunderer wie auch Vorbild sein und sich in uns wieder erkennen. Den beiden Dialogpartnern will die Autorin Gemeinsamkeiten und dem Zeitenwandel geschuldete Unterschiede zuschreiben. Gleichzeitig räumt sie mit der Illusion auf, dass heute alles besser für die Frau sei und dass Selbstbestimmung zwangsläufig Glück bedeuten müsse.

Den jeweiligen Dialogbeitrag werde ich mit der entsprechenden Überschrift "Annette" oder "Amelie" versehen.

                                                  Amelie

Amelie ist 41 Jahre alt, Journalistin und kommt gerade aus der Schweiz. Sie ist diszipliniert, treibt aus Gesundheits- und Schönheitsgründen Sport. Ihre Urgroßmutter hatte mit einem Baron ein illegitimes Kind und heiratete, um die Schande zu verdecken, den Tischler Rode. Vielleicht gibt es, so mutmaßt Amelie, sogar eine weitläufige Verwandtschaft mit den Drostes.

                                                  Annette

Die Droste stellt ihre Abhängigkeit von ihrer Mutter dar und wie sie sich den kleinmütigen Normen des mittleren Adelstandes beugen musste. (Andere Biographen betonen allerdings, dass vor allem die künstlerische Erziehung besonders von der Mutter gefördert wurde und Annette eine beinahe liberale Erziehung zuteilwurde.) Zärtlichkeit erfährt Annette, die Frühgeborene, aber vor allem durch ihre Amme Katharina Plettendorf. Ihr erstes Gedicht schreibt sie mit 7 Jahren. Nach dem Tod ihres geliebten Vaters übernimmt der allein erbberechtigte Bruder Werner das Hülshoffsche Anwesen, Mutter, Schwester Jenny müssen mit Annette auf den Witwensitz „Rüschhaus“ ziehen. Annettes Kindheit ist durch häufige Erkrankungen belastet. Sie war ein schwächliches, aber willenstarkes Kind.

                                                    Amelie

Amelies Großeltern und Mutter mussten am Kriegsende aus Ostpreußen fliehen. Ihre Mutter Helga hatte 1943 den Sohn einer großbürgerlichen Familie geheiratet. Die Aßmanns hatten versucht, diese Eheschließung zu verhindern. Der Schwiegervater war ein ranghoher Nazifunktionär. Die Aßmanns mit Schwiegertochter Helga fanden nach der Flucht Unterschlupf in Goslar. Helgas Ehemann kehrte als Invalide aus dem Krieg zurück, zeugte die Töchter Beate und Amelie und starb 1948.
Die Mutter wird Friseurin und bevorzugt eindeutig Beate. Für Amelie hat die stolze Mutter nur wenig übrig. Da sie quasi Chefin des Friseurladens ist, erzwingt sie vom Friseurmeister Papenbrink die Heirat. Amelie erfährt lediglich durch Großmuter Rosa und Meister Papenbrink Liebe.
In diesem Erzählabschnitt versucht die Autorin Parallelen zwischen Annette und Amelie herzustellen: Beide Frauen werden von den Müttern wenig geliebt, Großmutter Rosa ähnelt der Amme Plettendorf und auch Annettes Vater empfindet ähnlich positive Vatergefühle wie Stiefvater Papenbrink. Korschunow will damit zum Ausdruck bringen, dass beide Frauen trotz ihrer Fähigkeiten keine glückliche Kindheit erlebt haben.

                                                     Annette

Die Droste ist 23 Jahre alt und lebt seit längerem bei den Großeltern in Bökendorf (Weserbergland). Auf dem Gut Bökerhof verkehren Künstler, Schriftsteller (u.a. Wilhelm Grimm, Heinrich Straube aus Kassel) und Studenten aus Göttingen.
Dort erscheint auch oft der mittellose Heinrich Straube, ein angeblich genialer Schriftsteller und erfolgreicher Jurastudent. (Schon 2 Jahre zuvor waren sich Annette und Heinrich auf Bökerhof begegnet und empfanden Sympathie füreinander. Ostern 1819 weilte Straube auf Hülshoff und ihre intensiven Gespräche beflügelten ihre Gefühle.)  Die Beziehung hält bis 1820 und Annette schätzt, ja liebt Heinrich, den an sich nicht gerade attraktiven Charmeur.
In einer von Verwandten und Bekannten angezettelten Intrige soll eine weitergehende Beziehung verhindert werden. Die sog. Bökendorf - Katastrophe bedarf aber einer umfänglicheren Darstellung, so dass ich diese Affäre in einem gesonderten Artikel über Heinrich Straube darstellen werde.


                                                     Amelie

Fritz Papenbrink stirbt und Mutter Helga wird zur Alkoholikerin. Vorsorglich hat der Stiefvater Amelie als Haupterbin eingesetzt. Mutter Helga macht eine Entziehungskur und lacht sich einen Kurschatten an. Als dieser wieder nach Hause fährt, muss er, um den wirtschaftlichen Bestand seiner Ehe nicht zu gefährden, seine Beziehung zu Helga abbrechen. Helga nimmt sich unmittelbar vor Amelies Hochzeit das Leben. Amelie heiratet einen Wissenschaftler und späteren Professor. Sie verzichtet auf die Ausübung ihres Berufes als Journalistin. Die Beziehung kriselt, stabilisiert sich aber, als Amelie schwanger wird. Die Tochter Charlotte rettet so vorübergehend die Ehe. Doch dann wird die Tochter von einem Motorrad überfahren und stirbt. Damit ist die Ehe Treybe beendet. Amelie kostet mehrere Beziehungen aus, findet schließlich einen Hausmann und feiert größere Erfolge als Journalistin. Sie ist nun 42 Jahre, doch so richtig glücklich ist sie nicht.

                                                   Annette

Nach der Bökendorf-Affäre versinkt Droste in Depressionen und Krankheit. Ab 1828 entdeckt sie wieder die Welt. Sie fährt zu Verwandten nach Köln und Bonn. 1838 entwickelt sich langsam eine intensive Beziehung zu dem 17 Jahre jüngeren Levin Schücking, die dann 1842 und schließlich 1846 endet. Da Levin Schücking die entscheidende und emotionalste Beziehung der Droste bedeutet, soll das Verhältnis ebenfalls gesondert dargestellt werden.

Fazit

Irina Korschunow verengt die spiegelbildlichen Reflexionen auf die Dualität von weiblicher Unabhängigkeit und Unfreiheit. Sicherlich will sie uns mitteilen, dass Freiheit noch lange nicht Glück bedeutet und dass die selbst bestimmte Amelie trotz beruflicher Erfolge und mannigfacher Liebeserfahrungen noch lange nicht in so erhebenden Gefühlen schwelgen kann, wie dass Annette trotz aller Leiden wenigstens für kurze Zeit durch ihre Werke und ihre perspektivlose Liebe konnte.


Überwiegend wurde im Literaturkreis der Roman positiv beurteilt. Mehrere Teilnehmer kritisierten allerdings die sehr konstruierten Männer- und Frauenbilder in dem Amelie-Teil des Romans. Es seien eher soziologische Stereotypen als real erscheinende und möglicherweise in sich auch widersprüchliche Figuren.

Wolfgang Schwarz, im wonneschönen September 2016